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BVMW

Ist der Wohlstand für alle in Gefahr?


Wie die Soziale Marktwirtschaft im Zeitalter der Digitalisierung gerettet werden kann.

Ein BVMW-Interview mit Professor Markus Mändle

 

Die Soziale Marktwirtschaft eines Ludwig Erhards gerät im Zeitalter der Globalisierung und Digitalisierung zunehmend in Gefahr. Muss sie aber nicht, wenn jetzt schnellstens in Qualifizierung, Bildung, Mobilität und Netzausbau investiert wird, meint Markus Mändle, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen. Mit Mändle sprach Lothar Lehner, Repräsentant des BVMW-Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft in der Region Stuttgart.

"Die Wirkungen der ,Industrie 4.0' bergen vor allem für Baden-Württemberg gewisse Beschäftigungsrisiken", so Professor Markus Mändle. Fotos: Rüdiger Gramsch

Warum ist die Soziale Marktwirtschaft in Gefahr?

Mändle: Mit der Idee der Sozialen Marktwirtschaft wird das Versprechen verbunden, Wohlstand, soziale Sicherheit, und die Teilhabe ansteigender Produktivität für breite Bevölkerungsschichten zu ermöglichen. Für Alfred Müller-Armack, den eigentlichen Schöpfer des Begriffs der „Sozialen Marktwirtschaft“, wird dies vor allem durch zwei Prinzipien erreicht: den Schutz des Wettbewerbs und den sozialen Ausgleich. Nach Ansicht von Ludwig Erhard, dem „Vater des Wirtschaftswunders“, ist es primär die Leistungsfähigkeit der Marktwirtschaft und die Wirkung des Wettbewerbs, die den „Wohlstand für alle“ schafft, so lautet ja auch der Titel seines bekannten Buches. Momentan erleben wir Megatrends der Globalisierung und Digitalisierung mit massiven ökonomischen und technologischen Veränderungen. Es besteht die Sorge, dass die Soziale Marktwirtschaft angesichts dieser Herausforderungen nicht mehr in der Lage sein wird, ihr Versprechen vom „Wohlstand für alle“ einzulösen. Globalisierung und Digitalisierung haben für Wirtschaft und Gesellschaft gravierende Folgen – vor allem auch für die Beschäftigungssituation.


Wie sehen diese Folgen aus?
Mändle: Studien prognostizieren, dass allein in Deutschland in den nächsten fünf Jahren mehr als drei Millionen Arbeitsplätze wegfallen könnten, weil Maschinen den Menschen ersetzen. Natürlich werden auch viele neue Arbeitsplätze entstehen, nur ist deren Zahl schwer vorhersehbar. Es kommt darauf an, wie gut sich unser Land für den Strukturwandel wappnet.


Wo gehen die Arbeitsplätze verloren?
Mändle: Vor allem dort, wo menschliche Arbeit infolge von Routinen durch Automaten, Algorithmen und Künstliche Intelligenz ersetzt werden kann. Das, was wir in der Vergangenheit schon in der industriellen Produktion erlebt haben – der Fließbandarbeiter wurde durch den Industrieroboter ersetzt – wird sich mittel- bis längerfristig in vielen anderen Bereichen unserer Wirtschaft wiederholen. Das betrifft teilweise schon jetzt die Kassiererin im Supermarkt, irgendwann auch den Berufs-Kraftfahrer - Stichwort autonomes Fahren -, sowie Mitarbeiter in Banken, Versicherungen und der verarbeitenden Industrie. Die Wirkungen der "Industrie 4.0" bergen vor allem für Baden-Württemberg gewisse Beschäftigungsrisiken.


Dann wird der Mensch als Arbeitskraft nicht mehr benötigt?
Mändle: So pessimistisch darf man das nicht sehen. Durch die Digitalisierung entstehen ja auch laufend neue Arbeitsplätze. Etwa bei der Entwicklung, beim Verkauf und der Betreuung der neuen Technologien. Heute brauchen Unternehmen Webmaster und Experten für digitale Datensicherheit, vor 30 Jahren wusste noch niemand, was das ist. Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, aber sie wird sich verändern. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Und: Arbeitsplätze werden vorerst dort erhalten bleiben, wo der Mensch heute noch besser ist als die Maschine. Dies sind Tätigkeiten, bei denen es auf menschliche Stärken ankommt, wie Kommunikationsfähigkeit, Empathie, Kreativität, komplexes Problemlösen und kritisches Denken. Beispielsweise im Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, in der Wissenschaft, bei Ingenieuren und Journalisten, im Fachhandwerk, bei der Kundenberatung oder bei Managementfunktionen.


Wie wirkt sich das auf den Arbeitsmarkt aus?
Mändle: Insgesamt gesehen, verliert die Arbeit ökonomisch an Wert. Digitalisierung wirkt am Arbeitsmarkt wie eine plötzliche Steigerung des Arbeitskräfteangebots, was die Löhne im Durchschnitt unter Druck setzt. Sind Arbeitskräfte ersetzbar, verlieren sie zudem an Marktmacht, was ihre Chance verringert, an Produktivitätsfortschritten teilzuhaben. Dagegen wird sich - schon rein aus demografischen Gründen - die
Knappheit der nicht ersetzbaren Fachkräfte mit speziellem Wissen und Fähigkeiten weiter erhöhen. Wir sehen das heute bereits am viel beklagten Fachkräftemangel. Es besteht die Gefahr einer zunehmenden Spaltung des Arbeitmarktes: Für die einen werden die Löhne aufgrund einer höheren Grenzproduktivität weiter steigen, für die anderen werden sie sinken, zumindest relativ. Für Menschen mit geringerer Qualifikation wird es somit immer schwieriger, ihren Lebensunterhalt menschenwürdig aus eigener Kraft zu finanzieren und an Wohlstandsgewinnen teilzuhaben. Hier sind soziale Konflikte absehbar.

 

Und wie ist die Soziale Marktwirtschaft zu retten?
Mändle: Mindestlöhne können das Problem etwas abmildern, bergen aber ab einer gewissen Höhe die Gefahr, dass sie die Wettbewerbsfähigkeit der Menschen gegenüber den Maschinen verschlechtern, und so die Automatisierung am Ende noch begünstigen. Wichtig wäre es, die Menschen möglichst gut für die Erfordernisse des zukünftigen Arbeitsmarktes zu qualifizieren. Hierfür reicht es aber nicht aus, die Schulen lediglich mit schnellem Internet und digitalen Werkzeugen auszustatten. Die Arbeitskräfte von morgen müssen mit den neuen Technologien kreativ, innovativ und vor allem verantwortungsbewusst umgehen.


Das qualifiziert dann für die Arbeit der Zukunft?
Mändle: Nicht ganz. Jemand, der ein Tablet bedienen kann, besitzt nicht automatisch die Fähigkeit zu komplexem Problemlösen, Kommunikation und kritischem Denken. So antiquiert das klingt: Ich glaube, der beste Schutz für junge Leute, nicht irgendwann von einem Roboter ersetzt zu werden, ist eine vielseitige humanistische Bildung, die Fachwissen und Werte vermittelt. Es ist eine unsinnige Vorstellung, zu glauben, Fachwissen sei heute unnötig und es reiche aus, wenn man wisse, wo etwas geschrieben stehe. Nur jemand mit Fachwissen kann Daten und Informationen vernünftig bewerten, gewichten und einschätzen. Schließlich ist ja einer, der alle medizinischen Begriffe googelt, noch kein Arzt.


Reichen Qualifizierung und humanistische Bildung aus?
Mändle: Nein. Es bedarf auch neuer sozialpolitischer Konzepte, da nicht alle Menschen die Anforderungen des Arbeitsmarktes werden erfüllen können. Hier befinden wir uns mitten in einem kontroversen Diskussionsprozess, etwa um das bedingungslose Grundeinkommen. Neben Qualifikation und Sozialpolitik sind aber auch erhebliche Investitionen in die Infrastruktur notwendig, um langfristig Wohlstand zu schaffen. Dies sind vor allem Investitionen in Mobilität, Schulen, Hochschulen und
den Netzausbau. Hier haben wir bekanntlich noch erhebliche Infrastrukturdefizite, denken wir etwa an den Zustand mancher Schulgebäude, die Probleme bei der Deutschen Bahn, die Dauerstaus, die Funklöcher, oder das Fehlen einer schnellen Internetverbindung in ländlichen Regionen. Schließlich brauchen wir auch neue Regeln für die Wettbewerbspolitik. Mit fortschreitender Digitalisierung wächst die Bedeutung von Größenvorteilen und Netzwerkeffekten, die tendenziell den Wettbewerb beschränken. Aufgabe der Wettbewerbspolitik wird es sein, geeignete Regeln zu finden, um mit der neu entstandenen Marktmacht in der digitalen Ökonomie umzugehen.


Können Sie da ein Beispiel nennen?
Mändle: Der gezielte Aufkauf von Start-ups durch marktmächtige Anbieter, um etwaige Konkurrenz zu unterbinden oder Know-how zu transferieren. Da gilt es zu prüfen, wann ein solcher Aufkauf sinnvoll ist, wann problematisch. Wenn zu früh eingegriffen wird, um ein Umkippen des Marktes in ein Monopol zu verhindern, kann das auch als Innovationsbremse wirken. Gesetze mit unklaren Rechtswirkungen stellen ein weiteres Problem dar. Nehmen wir die Datenschutz-Grundverordnung als Beispiel: Sie verfolgt ohne Zweifel ein richtiges und wichtiges Ziel, nämlich den Schutz personenbezogener Daten. Dabei zielte man vor allem auf die Giganten der Datenökonomie, erzeugte aber gleichzeitig bei kleinen und mittelständischen Unternehmen, bei Verwaltungen, Vereinen und Privatpersonen einen unverhältnismäßigen Bürokratieaufwand und vor allem massive Verunsicherung. Ich erinnere mich noch an die Sorge der Vermieter, sie müssten jetzt alle Klingelschilder abmontieren, um nicht gegen den Datenschutz zu verstoßen.


Eine Forderung an die Politik, Gesetze klar und eindeutig zu formulieren?
Mändle: Schon Walter Eucken, ein wichtiger Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft, forderte, dass staatliche Maßnahmen berechenbar und transparent sein sollen. Besteht Unklarheit darüber, welche Regelungen aktuell und zukünftig gelten, halten sich Investoren und Konsumenten zurück, siehe Dieselproblematik. Die Politik muss hier klare, möglichst wettbewerbsneutrale und technologieoffene Regelungen vorgeben, auf die man sich langfristig verlassen und einstellen kann. Gesetze, die zunächst einer richterlichen Interpretation bedürfen, aber auch die aktuell diskutierte Vorstellung, es sei die Aufgabe des Staates, gewissermaßen als besserer Unternehmer, "nationale Champions" zu erschaffen, hätte Ludwig Erhard vermutlich nicht gut gefunden.

 


Zur Person


Prof. Dr. Markus Mändle, Jahrgang 1967, geboren in Geislingen/Steige, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim, wo er zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften promovierte. Seit 2002 ist er Inhaber der Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Kooperationswesen an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). Er leitet an der HfWU das von ihm gegründete Institut für Kooperationswesen (IfK) und ist Mitglied des Instituts für Genossenschaftswesen an der Humboldt-Universität zu Berlin. Mändle ist Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen zu volkswirtschaftlichen, genossenschaftlichen und immobilienwirtschaftlichen Themen.

1.4.19

 

 

 

 

 

 

Physiotherapeuten arbeiten am Limit 

Kreis Göppingen. Wer einen Termin beim Physiotherapeuten braucht, der muss sich in Geduld üben. Eine Wartezeit von vier Wochen und mehr ist keine Seltenheit. Einer der Gründe: In den physiotherapeutischen Praxen fehlen Mitarbeiter und das vorhandene Personal arbeitet seit langem am Limit. 

In den physiotherapeutischen Praxen herrscht Alarmstimmung. Es fehlt vorne und hinten an Personal und der Markt ist wie leergefegt. „Wir haben offene Stellen und außerdem werden uns in den nächsten Monaten zwei Mitarbeiterinnen in Mutterschutz verlassen“, so beschreibt Gerhard Oechsle, der Geschäftsführer von Respofit in Geislingen, die Situation. In den letzten Jahren habe er zudem nur zwei Bewerbungen gehabt. Zu wenig, um den Personalbedarf mit qualifizierten Mitarbeitern zu decken.

Ähnliches berichtet auch Andreas Cerrotta aus seiner Praxis physiomed in Eislingen. Damit die Patienten nicht noch länger auf einen Termin warten müssen, springen er und seine Mitarbeiter in den regulären Pausen und am Feierabend ein. „Eine sehr unbefriedigende Situation, dauerhaft am Limit zu laufen. Das ist sehr ermüdend und demotivierend“, so Cerrotta.

Die aktuelle Situation in den Praxen bestätigt auch Patrick Schümann aus Geislingen. Der medizinische Masseur und Therapeut behandelt zwar nur Privatpatienten, doch deshalb sind seine Personalprobleme nicht gelöst. „Ich habe inzwischen sogar einen Personaldienstleister engagiert, der für uns Ausschau nach Mitarbeitern hält. Bislang jedoch mit wenig Erfolg. Ändert sich alsbald nichts, will Schürmann versuchen, aus dem benachbarten Ausland qualifizierte Kräfte anzuwerben.

 

Die Ebbe auf dem Arbeitsmarkt hat für die Physiotherapeuten gleich mehrere Ursachen. Zum einen ist es die dreijährige Ausbildung, die überwiegend in Privatschulen erfolgt. Die Gebühren sind von den Schülern zu tragen und liegen bei rund 400 Euro im Monat. Auch Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, die der Neueinsteiger nach der Ausbildung absolvieren sollte, um möglichst flexibel einsetzbar zu sein, trägt man selbst. „Das summiert sich ganz schnell auf hohe Beträge“, weiß Patrick Schürmann.

Geld, was man als dann gut qualifizierter Therapeut kaum wieder verdienen kann. Denn die Arbeit wird im Verhältnis zu anderen Berufen schlecht entlohnt. „Das was wir für unser Heilmittel bekommen liegt im Niedriglohnbereich. Kein Handwerker würde für einen solchen Stundenlohn arbeiten können und wollen“, so Andreas Cerrotta. Die Vergütung durch die Kassen sei so schlecht, dass sich die durch Hin- und Rückfahrt zeitintensiven Hausbesuche erst recht nicht mehr lohnen, weiß Gerhard Oechsle. Leidtragende seien hier vor allem die Gehbehinderten und Bewohner in Seniorenheimen. Gut ausgebildete Physiotherapeuten verdienen in den ersten Jahren selten mehr als 2000 Euro im Monat, weiß Cerrotta. „Zu wenig, um eine Familie zu unterhalten.“

Der demografische Wandel wird in den nächsten Jahren die Nachfrage nach Physiotherapie noch einmal erhöhen. Um den Zusammenbruch der Branche zu vermeiden, sei eine Reform der Ausbildung unumgänglich, meinen die Physiotherapeuten. Wie diese aussehen könnte, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Kostenlos müsste sie aber sein und eventuell bisherige Zusatzqualifikationen beinhalten. Auch die Akademi-sierung der Ausbildung, so wie in den meisten europäischen Ländern schon lange Praxis, könne der richtige Weg sein, um junge Menschen wieder für den Beruf zu begeistern.

Schließlich müsse die Bezahlung besser werden. Hier sehen die Therapeuten vornehmlich die Kassen in der Pflicht. „Die haben lieber mehrere Milliarden Euro auf der Seite, anstatt die Heilmittelvergütungen entsprechend heraufzusetzen“, schimpft Andreas Cerrotta. Gerhard Oechsle weiß von einem Modellprojekt mit Blanco-Verordnungen, wonach nicht mehr die Ärzte den Patienten die Therapie verordnen, sondern der Therapeut entscheidet, was für den Patienten richtig ist. „Gehört habe ich aber davon nichts mehr“, so Oechsle. Einer solchen Regelung könnte auch Patrick Schürmann etwas abgewinnen. Denn die Ärzte wissen seiner Meinung nach viel zu wenig über die Therapien. „Da werden manchmal 24 Behandlungen vom Arzt verordnet. Dabei sollte der Patient spätestens nach der dritten Behandlung schon eine Veränderung spüren“, so Schürmann. „Spürt er da nichts, macht auch die Weiterbehandlung wenig Sinn.“

Um mit den Kassen über neue Vergütungssätze zu verhandeln, bedürfe es einer starken Interessenvertretung der Physiotherapeuten. Diese sei aber nicht in Sicht. Es gebe zu viele Berufsverbände, weshalb hier die Schlagkraft nicht besonders hoch sei. „Es wäre besser, eine große Organisation zu haben, die dann auch gehört wird“, ist Gerhard Oechsle überzeugt. Immerhin arbeiten in Deutschland gut 150 000 Menschen in der Branche. Und die Krankenkasse? Die AOK Neckar-Fils in Esslingen sieht sich auch nach Rücksprache mit der Hauptverwaltung in Stuttgart kurzfristig nicht in der Lage, zur aktuellen Situation Position zu beziehen.
14.2.19

 

 

 

 

In dynamischer Zeit den Anschluss nicht verpassen

Tom Hill und Karlheinz Venter (v.l.) bei ihrem Vortrag in Schwäbisch Gmünd. Foto: BVMW/Rüdiger Gramsch

Schwäbisch Gmünd / Kreis Göppingen. Wie müssen mittelständische Unternehmen aufgestellt sein, damit ihr Geschäft auch in Zukunft noch ein Geschäft ist? Das Berater-Duo Tom Hill und Karlheinz Venter - Gesellschafter der Hillventer GmbH in Darmstadt - zeigte in einer Veranstaltung des Bundesverbandes Mittelständische Wirtschaft (BVMW) auf, wie die Betriebe umgebaut werden müssen, um der hoch-dynamischen Entwicklung Rechnung zu tragen.

Die Weltwirtschaft verändert sich rasant, wer sich den Herausforderungen nicht stellt verliert schnell den Anschluss. Das machten Tom Hill und Karlheinz Venter in ihrem kurzweiligen Vortrag deutlich. Althergebrachte Strukturen in den Firmen seien überholt, konstatierten die Darmstädter und warfen das Unternehmensbild aus Zeiten einer schwach-dynamischen Entwicklung über Bord. Vorbei seien die Zeiten, in denen der Unternehmer entschieden habe, was für den Markt produziert werden muss, in denen mit den Mitarbeitern eine personenbezogene Information gepflegt wurde und ein Mitarbeiter im Betrieb mal eine innovative Idee hatte.

Flache Hierarchien seien heute gefragt. Die Firmenkultur präge ein mit den Mitarbeitern gemeinsam entworfenes Leitbild, die Entscheidungen darüber, was produziert werde, treffe man an der Schnittstelle zwischen Markt und Mitarbeitern. Der Chef glänze mit Kompetenz, Einfluss und Führungsqualitäten. Die Innovation komme von vielen, die sich an dem orientierten, was am Markt gebraucht werde. Da könne es sein, dass sich die Produkte rasend schnell ändern müssen, um das Unternehmen auf Erfolgskurs zu halten. Transparent und themenbezogen erfolge die Kommunikation. Das alles gehe einher mit einem sich wandelnden Arbeitsalltag. Hier seien Homeoffice und die Erreichbarkeit des Mitarbeiters rund um die Uhr die Schlagworte. Die Globalisierung und die Kommunikation, so die beiden Referenten, verändern tiefgreifend die Unternehmensstrukturen und genauso nachhaltig das Konsumverhalten. „Der Besteller ist nur einen Mausklick entfernt“, fassten es Tom Hill und Karlheinz Venter zusammen. Die Digitalisierung erfordere dank der damit einhergehenden Individualisierung ein neues Denken. Jeder könne sich heute seine ganz persönliche Mischung zusammenstellen und liefern lassen, erklärten die beiden beispielhaft die Entwicklung.

Alles Zukunftsmusik? Mitnichten. Tom Hill und Karlheinz Venter machten deutlich, dass man sich bereits mitten in der Zukunft befindet. Für sie höchste Zeit, den Unternehmensumbau anzugehen. Was in der Theorie allerdings einfach klingt, mag in der Praxis Probleme aufwerfen. Nicht immer ist der Chef zu den notwendigen Veränderungen bereit und wenn doch, dann gibt es immer wieder Mitarbeiter, die sich querlegen und die Notwendigkeit der Veränderungen nicht sehen wollen. „Von den Unverbesserlichen wird sich ein Unternehmen über kurz oder lang trennen müssen“, glauben Hill und Venter. Dass in den neuen Strukturen ein Unternehmen erfolgreich sein kann, bestätigte im anschließenden Gespräch der Inhaber eines Automobilzulieferer mit rund 300 Beschäftigten.

Bei den Referenten, die für ihren Vortrag viel Applaus erhielten und zur Diskussion beim anschließenden Mittagsimbiss anregten, sowie bei Gastgeber Rolf Fleury vom IT-Systemhaus Bürokom in Schwäbisch Gmünd bedankte sich BVMW-Kreisvorsitzender Lothar Lehner (Geislingen) mit in einem „Stauferkischtle“ verpackten regionalen Spezialitäten.

 

 

 

Almü wächst doppelt so schnell wie die Branche

 Firmenchef Markus Müller (2.v.r.) führt die interessierten Gäste durch den Rohbau.Markus Schneider von der Bauunternehmung Mörk informierte über Innovationen bei Gewerbebauten.Betriebsbesichtigung: Almü-Chef Markus Müller (links) in der Produktion, rechts im Bild der Kreisvorsitzende des BVMW, Lothar Lehner. Fotos: BVMW/Rüdiger Gramsch

Zell u. A. Der Präzisionswerkzeugmacher und Autozulieferer Almü in Zell u. A. platzt aus allen Nähten. Das Unternehmen, das eigenen Angaben zu Folge doppelt so schnell wächst wie die gesamte Branche, hat in unmittelbarer Nähe zum jetzigen Werk in knapp acht Monaten einen großzügigen Neubau erstellt. Zum Richtfest gab es für interessierte Unternehmer aus dem Bundesverband Mitteständische Wirtschaft (BVMW) und zahlreichen Ehrengästen bei einem Business-Lunch Informationen über das neue Gebäude. Zudem gewährte Firmenchef Markus Müller Einblick in den laufenden Betrieb in den benachbarten Produktionshallen.

Zu einer äußerst innovativen und kurzweiligen Mittagspause hieß der Leiter des BVMW Kreisverbands Göppingen, Lothar Lehner (Geislingen), die Gäste im gerade fertiggestellten Rohbau von Almü in Zell namens Geschäftsführung und Planungs- und Bauunternehmen Mörk willkommen. Unter den Besuchern auch die Präsidentin der Göppinger Wirtschaftsjunioren, Eva Geiselmann, den Kreisvorsitzenden der Mittelstandsvereinigung, Eduard Freiheit, den Geschäftsführer der Wirtschafts- und Innovationsgesellschaft im Landkreis (WIF), Reiner Lohse, sowie Vertreter der Gemeinde Zell. Lehner nutzte die Gelegenheit, den BVMW, in dem 700 000 Unternehmen mit elf Millionen Beschäftigte zusammengeschlossen sind und der über ein weltweites Netzwerk verfügt, vorzustellen. Er bedankte sich bei Almü-Chef Müller, der den Business-Lunch im Rohbau ermöglicht habe. Mehr Platz für Mitarbeiter und Maschinen benötigt Almü in Zell. Das vor über 30 Jahren vom Vater des jetzigen Firmenchefs in einer Garage gegründete Unternehmen wächst seit fast zehn Jahren rasanter als der

Markt. Inzwischen stellen 50 Mitarbeiter die vor allem in der Automobilindustrie gefragten Präzisionswerkzeuge her – Tendenz steigend. Die Fertigstellung des Rohbaus nahmen Firmenchef Markus Müller und das auf Industrie- und Gewerbebauten spezialisierte Unternehmen Mörk aus Leonberg zum Anlass, interessierte Unternehmer aus der Region über den Betrieb, aber auch über innovatives Bauen zu informieren.
Markus Schneider von Mörk hielt für bauwillige Unternehmer jede Menge Tipps parat. Anhand von bereits realisierten Gebäuden zeigte Schneider auf, wie heute zukunftsträchtig in einen Firmen-Neubau investiert wird. Er riet dazu, sich in der Planungsphase Zeit zu lassen. Das sei auch bei Almü so gewesen. Ein gutes Jahr habe man geplant, drei Entwürfe landeten im Papierkorb. Der vierte Entwurf vereinte dann alle Anforderungen an das Projekt und begeisterte mit seiner Architektursprache. Wer neu baut, der sollte von innen nach außen planen, so Schneider. Künftige Produktionsabläufe seien ebenso mit einzubeziehen, wie die - künftige - Organisationsstruktur im Büro und die Bedürfnisse der Mitarbeiter. Auch technische Entwicklungen – Stichwort: Digitalisierung – sollten berücksichtigt werden. Zu erfüllen seien auch die Auflagen im Umweltbereich, zum Beispiel mit modernster Haustechnik, sowie beim Brandschutz. Ins Auge fassen sollte man bei der Planung auch, dass das Gebäude später eventuell auch ganz anders genutzt werden könnte. Höhere Räume vor allem im Erdgeschoss und hohe Lasten tragende Bodenplatten ermöglichen beispielsweise auch andere Nutzungen in dem Gebäude. Ein Treppenhaus mit Weitsicht an die richtige Stelle gesetzt, spart Kosten bei einem Erweiterungsbau. Kosten sparen ließen sich auch, wenn man Zeit bei der Realisierung mitbringt. Angesichts der aktuell guten Auftragslage im Baubereich seien kaum Firmen zu günstigen Baupreisen zu gewinnen. Es gelte, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, um Baufirmen für sein Vorhaben zu finden.
Für Almü in Zell hat Mörk einen dreigeschossigen Neubau mit 1.330 Quadratmeter Nutzfläche in Ellipsenform realisiert und neben Beton auch viel Glas verbaut. Helle Räume für die Mitarbeiter waren wichtig. Im Erdgeschoss hält die Produktion Einzug, die Maschinen sollen entlang
der Außenwand mit der Rückseite zu den Fenstern aufgebaut werden. Das erste Obergeschoss ist für Büros vorgesehen, auch für Freelancer. Das Unternehmen kooperiert mit Partnern im Ausland, deren Mitarbeiter nur für wenige Tage nach Zell kommen. „Aber auch die brauchen Platz“, so Firmenchef Müller. Im zweiten Obergeschoss können die Mitarbeiter vom Casino, von den geplanten Tagungs- und Seminarräumen oder von der Terrasse aus, einen herrlichen Blick auf die Voralb Landschaft genießen. Das Treffen endete mit einer Besichtigung der derzeitigen Produktionsstätten von Almü.

 

 

Die Welt steht vor gravierenden Umbrüchen

 

Auch Deutschland steht in den nächsten Jahren in vielen Bereichen vor großen Umbrüchen. „Was heute viele noch gern mit dem Satz: „Das dauert ja noch“ abtun, ist schneller Realität als gedacht“, so BVMW-Kreisvorsitzender Lothar Lehner (Geislingen) bei dem von rund 35 Unternehmern besuchten Treffen.

 

Schlaglichtartig stellten mehrere Referenten in kurzen Statements vor, wo und wie sich die Welt in den nächsten Jahren verändert wird. Dipl.-Ing. Axel C. Burgbacher (Göppingen) erläuterte mit Beispielen das Zukunfts­thema Blockchain, das vor allem die Bankenwelt verändern wird. Blockchain, 2008 von jenem unbekannter Japaner ins Netz gestellt, der auch die Idee zum Bitcoin hatte, sieht Blockchain Geldüberweisungen ohne Einbeziehung der Banken vor. Jeder kann jedem direkt Geldbeträge anweisen. Bis in fünf Jahren, so schätzt Experte Burgbacher – von Lothar Lehner auch gerne als der „Daniel Düsentrieb des Landkreises“ bezeichnet  - dürfte sich Blockchain durchsetzen.

 

Wie gravierend die bevorstehenden Veränderungen sind, zeigte auch Ulrich Semle aus Wäschenbeuren auf und sprach von einer mental-geistigen oder spirituellen Revolution. Anzeichen dafür seien Klimaveränderungen, eine völlig anders als gewohnte verlaufende Fußball-WM, die Wahl des US-Präsidenten Trump, Mitarbeitermangel in den Unternehmen. All das hänge miteinander zusammen. Wachsende geistige Armut und ein tiefgreifender Wertewandel würden den Veränderungen Vorschub leisten. Die Kinesiologin Claudia Körper aus Bad Boll, viele Jahre Unternehmensberaterin bei Ernst & Young, zeigte auf, wie die Menschen angesichts der bevorstehenden Veränderungen im Gleichgewicht bleiben können. Dabei gelte es, das persönliche Potential zu entdecken, zu erweitern und zu nutzen.

 

Dass es im Leben im wahrsten Sinne auf die Haltung ankommt, führten Dr. Felicitas Stieber (Owen) und Patrick Schürmann (Geislingen) vor. Stieber, die eine mobile Chiropraxis für Pferde und Kleintiere betreibt, sieht sich u.a. gefordert, wenn ein Reiter Schmerzen an der Wirbelsäule hat, oft einer falschen Haltung im Sattel geschuldet. Da muss nicht nur der Reiter behandelt werden, denn oft hat auch das Pferd Probleme und Ursache für die falsche Reiterhaltung. Ihre Behandlungsmethoden haben auch schon so manch gelähmten Hund wieder auf die Sprünge geholfen. Körper, Geist und Seele sind stets als eine Einheit zu betrachten, so der Masseur und Ostheopath Patrick Schürmann von der Massage- und Therapiepraxis Bodywell. Das heißt für ihn, den Schmerz nicht lokal zu behandeln, sondern nach der Ursache zu forschen. „Wir fangen da an, wo die Schulmedizin oft aufhört“, so der Manualtherapeut und berichtete von an den Rollstuhl gefesselte Menschen, die nach der Behandlung wieder Laufen konnten.

 

Wie stark sich Konflikte unter Mitarbeitern auf die Wirtschaftsleistung in Unternehmen auswirken, zeigte Ralf Hartdegen von Filstal-Mediation (Süßen) auf. Deshalb gelte es, Konflikte richtig aufzuarbeiten und nicht nur nach schnellen Kompromissen zu suchen. Der Mediator sei kein Richter oder Schlichter, sondern jemand, der helfe, die Ursachen des Konflikt zu finden und die Beteiligten auf dem Weg zur Lösung begleitet. Weitere Schlaglichter warfen am Abend der Coach Gerhard Müller und Rainer Bachmann aus Deggingen zum Thema virtuelle Messen.

 

Lothar Lehner nutzte das Unternehmer-Treffen auch, um gegen die geplante Datensteuer zu wettern. Diese bedeute nicht nur einen weiteren bürokratischen Aufwand für die Betriebe, sondern auch zu weiteren, zum Teil existenzbedrohenden Kosten. Lehner appellierte an die Politiker, die Finger von diesen Plänen zu lassen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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