Der frühere Oberbürgermeister von Göppingen und jetzige Kreisrat Guido Till greift in seiner Freitags-Kolumne
"Moment mal!" bei unser-stauferland.de Themen des täglichen Lebens auf und beleuchtet sie unter politischen Aspekten.
Die gesammelten
Beiträge finden Sie hier.
 

Die Gemeinschaft ist kein Lieferservice

Ehrenamt ist so etwas wie das stille Rückgrat unserer Gesellschaft. Es steht selten im Mittelpunkt, macht keine großen Schlagzeilen und bekommt oft erst dann Aufmerksamkeit, wenn es fehlt. Doch ohne Menschen, die ihre Zeit, ihre Kraft und ihre Ideen einbringen, würde vieles in unserem Alltag schlicht nicht funktionieren.

Ob im Sportverein, bei der Feuerwehr, im Musikverein, in der Nachbarschaftshilfe, bei sozialen Organisationen oder in der Jugendarbeit: Ehrenamtliche halten den Laden am Laufen. Sie trainieren Kinder, organisieren Feste, retten Menschen, pflegen Traditionen und kümmern sich darum, dass Gemeinschaft nicht nur ein schönes Wort bleibt. Und trotzdem suchen immer mehr Vereine und Organisationen händeringend nach Menschen, die mitmachen.

Was ist passiert? Ist uns Bürgern das Miteinander tatsächlich gleichgültiger geworden? Hat die Identifikation mit dem eigenen Ort, der Gemeinde, dem Verein oder gar dem Staat nachgelassen? Fehlt uns zunehmend dieses Gefühl: Wir gehören zusammen – und deshalb tragen wir auch gemeinsam Verantwortung.

Vielleicht ist es tatsächlich der Zeitgeist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Individualität einen hohen Stellenwert hat. Selbstverwirklichung, persönliche Freiheit und die Frage „Was bringt es mir?“ bestimmen unseren Alltag. Dagegen ist Ehrenamt zunächst einmal ein ziemlich schlechtes Geschäft. Man bekommt meistens kein Geld dafür. Man investiert Zeit, übernimmt Verantwortung und muss gelegentlich sogar noch Diskussionen aushalten. Und trotzdem machen es Millionen Menschen.

Zum Glück. Denn genau darin liegt die eigentliche Stärke des Ehrenamts: Es geht um etwas, das sich nicht in Euro messen lässt. Um Zugehörigkeit. Um Begegnung. Um das Gefühl, gebraucht zu werden. Um die Erkenntnis, dass eine Gemeinschaft nur dann funktioniert, wenn Menschen bereit sind, mehr zu tun als nur auf sich selbst zu schauen.

Natürlich darf man nicht so tun, als hätten die Menschen heute einfach keine Lust mehr. Viele arbeiten länger, haben Familie, kümmern sich um Angehörige und stehen unter einem enormen persönlichen Druck. Auch Vereine müssen sich verändern. Wer Ehrenamtliche gewinnen will, kann nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass jemand jedes Wochenende und jede freie Minute zur Verfügung steht. Aber vielleicht sollten wir uns trotzdem eine unbequeme Frage stellen: Was passiert mit einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen nur noch fragen, was sie bekommen – und immer weniger, was sie beitragen können?

Eine Gemeinschaft ist kein Lieferservice. Man kann nicht erwarten, dass andere Feuerwehr spielen, Veranstaltungen organisieren, Kinder betreuen, Sportangebote aufrechterhalten, Feste veranstalten und das Vereinsleben am Laufen halten, während man selbst nur gelegentlich davon profitieren möchte. Ehrenamt bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben. Im Gegenteil. Es bedeutet, Teil von etwas zu sein, das größer ist als man selbst. Vielleicht müssen wir deshalb wieder mehr über das Wort „Wir“ sprechen. Nicht als nostalgische Floskel, sondern als gesellschaftliche Notwendigkeit.

Das beginnt im Kleinen. Beim Nachbarn, der hilft. Bei der Mutter, die im Verein eine Aufgabe übernimmt. Beim Jugendlichen, der plötzlich merkt, dass er als Trainer gebraucht wird. Beim Rentner, der sein Wissen weitergibt. Bei den Menschen, die nicht fragen: „Was bekomme ich dafür?“, sondern zunächst: „Wo kann ich helfen?“

Das Ehrenamt braucht nicht nur neue Helfer. Es braucht auch mehr Anerkennung. Und zwar nicht nur Sonntagsreden und Ehrennadeln. Wer sich engagiert, verdient Respekt, Unterstützung und vernünftige Rahmenbedingungen. Denn eines sollten wir nicht vergessen: Das Ehrenamt ist kein kostenloser Reparaturbetrieb für eine Gesellschaft, die an anderer Stelle immer mehr auseinanderdriftet. Es ist vielmehr ein Ort, an dem Zusammenhalt jeden Tag neu entsteht.
11.9.26

 

Im Takt zum letzten Weiler?

Es gibt politische Debatten, bei denen man sich beliebt macht. Und es gibt solche, bei denen man sich besser auf Gegenwind einstellt. Die Zukunft des ÖPNV im ländlichen Raum gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

Dabei ist die Ausgangslage klar: Die Kosten steigen, die finanziellen Spielräume des Landkreises werden kleiner und gleichzeitig wächst die Belastung durch Umlagen. Die Kreiskasse ist leer. Trotzdem halten wir an einem Anspruch fest, der zunehmend wie aus einer anderen Zeit wirkt: möglichst überall, möglichst häufig und möglichst rund um die Uhr Busverbindungen anzubieten.

Die Frage sei erlaubt: Müssen wir uns das wirklich leisten? Niemand will den ÖPNV abschaffen. Im Gegenteil. Ein funktionierender öffentlicher Nahverkehr ist wichtig. Für Schüler, für ältere Menschen, für Menschen ohne Auto und für alle, die auf Bus und Bahn angewiesen sind. Der Landkreis Göppingen hat lange dafür gekämpft, Teil des Verkehrsverbunds Stuttgart zu werden. Das war richtig und bleibt richtig. Diese Errungenschaft sollten wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Aber aus einem wichtigen Angebot darf kein finanzielles Fass ohne Boden werden. Wir leben nun einmal nicht im Ballungszentrum. Unser Landkreis ist ländlich geprägt. Dörfer, Weiler und verstreute Ortsteile gehören zu unserer gewachsenen Struktur. Und ja: Auf dem Dorf spielt das Auto eine größere Rolle als in der Großstadt. Das kann man bedauern, aber man kann es nicht einfach wegplanen.

Trotzdem versuchen wir vielerorts, mit immer dichteren Takten eine großstädtische ÖPNV-Struktur über den ländlichen Raum zu legen. Das klingt zunächst wunderbar. Nur: Was nützt der schönste Fahrplan, wenn der Bus regelmäßig fast leer durch die Landschaft fährt? Geisterbusse braucht niemand. Deshalb sollten wir endlich den Mut haben, die Fahrpläne ohne Denkverbote zu durchforsten.

Das ist keine Absage an den ÖPNV. Es ist eine Absage an die Vorstellung, dass ein gutes Angebot automatisch ein möglichst umfangreiches Angebot sein muss. Denn die Alternative ist unangenehm: Wenn wir heute nicht über maßvolle Einsparungen sprechen, müssen wir möglicherweise morgen über massive Einschnitte reden. Dann wird nicht mehr darüber diskutiert, ob eine schwach ausgelastete Fahrt gestrichen werden kann. Dann geht es womöglich um das gesamte Netz.

Dazu gehört auch, über die Finanzierung zu reden. Wenn der Landkreis Leistungen bestellt, sollte nachvollziehbar sein, was diese Leistungen kosten. Das Prinzip „Was bestellt wird, wird auch bezahlt“ klingt banal. Angesichts der aktuellen Kostenentwicklung ist es aber eine durchaus berechtigte Frage, ob eine Finanzierung über Umlagen auf Dauer die richtige Antwort sein kann.

Wer solche Fragen stellt, wird schnell als Gegner des ÖPNV abgestempelt. Das ist bequem, aber falsch. Wer den ÖPNV erhalten will, muss auch bereit sein, über seine Grenzen zu sprechen.

Wir sollten uns deshalb von einem politischen Reflex verabschieden: Mehr Angebot ist immer besser. Das stimmt nicht. Ein Angebot, das dauerhaft nicht finanzierbar ist, ist irgendwann überhaupt kein Angebot mehr. Der Landkreis Göppingen braucht keinen ÖPNV, der auf dem Papier perfekt aussieht und in der Realität die Kreiskasse überfordert. Er braucht einen ÖPNV, der zuverlässig, sinnvoll und bezahlbar ist.
4.9.26

 

Der Sport – irgendwie wichtig

Es gibt Dinge, die gelten in unserer Gesellschaft als förderungswürdig. Kultur zum Beispiel. Bildung sowieso. Sport? Nun ja – Sport ist irgendwie wichtig. Man weiß es, man nickt zustimmend und schaut dann lieber, ob in der Sporthalle noch ein Eimer unter die undichte Decke gestellt werden kann.

Dabei hätte der Breitensport beste Argumente auf seiner Seite. Sport macht Menschen fit, hält sie gesund und steigert – ganz nebenbei – ihre Leistungsfähigkeit. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen geht es um mehr als um Tore, Zeiten und Medaillen. Wer gemeinsam trainiert, lernt Teamfähigkeit, Verlässlichkeit, Disziplin und auch, dass man nicht immer gewinnt. Eine Erfahrung, die auch außerhalb des Sportplatzes ausgesprochen nützlich ist.

Sport integriert. Auf dem Spielfeld ist zunächst einmal egal, wo jemand geboren wurde, welche Sprache er zu Hause spricht oder wie dick der Geldbeutel der Eltern ist. Da zählt, ob man den Ball sieht, den Mitspieler anspielt oder rechtzeitig zurückläuft. Menschen mit Behinderungen können ebenso teilhaben wie sozial Benachteiligte. Und auch der gut situierte Mitbürger darf selbstverständlich mitmachen – Integration funktioniert schließlich am besten, wenn alle mitspielen dürfen.

Wer Sport treibt, tut zudem etwas für sich – und damit auch für die Gesellschaft. Gesunde und aktive Menschen sind weniger häufig krank, entwickeln soziale Kontakte und bringen Fähigkeiten mit, die ihnen später auch im Berufsleben zugutekommen. Kurz gesagt: Sport ist eine ziemlich rentable Investition in Menschen. Nur scheint das bei der öffentlichen Förderung noch nicht überall angekommen zu sein.

Während im Kulturbereich die Bereitschaft, Geld in die Hand zu nehmen, oft deutlich größer ist, und selbst Bildungsangebote mit überschaubarer Teilnehmerzahl selbstverständlich ihre Berechtigung haben, muss sich der Breitensport vielerorts mit dem begnügen, was übrig bleibt. Und das sieht man.

Sporthallen brauchen dringend Sanierungen. Sportplätze müssten ausgebessert werden. Duschen, Umkleiden und Geräte stammen nicht selten aus einer Zeit, in der „Digitalisierung“ noch nach Science-Fiction klang. Vereine leisten ehrenamtlich Großartiges – und dürfen sich anschließend mit der Frage beschäftigen, ob der undichte Hallendachbereich vielleicht noch bis zum nächsten Haushaltsjahr durchhält.

Man stelle sich einmal vor, eine Bibliothek würde bei jedem Regen einen Eimer zwischen die Bücher stellen. Oder ein Theater müsste seine Zuschauer bitten, bitte nicht auf die morschen Sitze zu drücken. Die öffentliche Empörung wäre vermutlich beträchtlich.

Beim Sport dagegen heißt es gerne: „Wir müssen Prioritäten setzen.“ Natürlich müssen wir das. Wir sollten  dabei einmal genauer hinschauen, welchen Wert der Breitensport für die Gesellschaft tatsächlich hat.

Denn Breitensport ist nicht bloß Freizeitvergnügen. Er ist Gesundheitsförderung, Jugendförderung, Integration, Inklusion, Sozialarbeit und Gemeinschaftspflege – und das alles häufig organisiert von Ehrenamtlichen, die dafür keinen Stundenlohn verlangen. Vielleicht wäre es deshalb an der Zeit, den Breitensport nicht länger als den kleinen Bruder von Kultur und Bildung zu behandeln. Sport ist nämlich selbst ein Bildungsangebot. Nur sitzt man dabei nicht unbedingt auf einem Stuhl.

Vielleicht sollten wir also aufhören zu fragen, ob wir uns gute Sportstätten leisten können. Die bessere Frage wäre: Können wir es uns leisten, sie nicht zu haben?
28.8.26
 

 

Wenn die Baustelle Urlaub macht

Es gibt Dinge, auf die man sich im Sommer verlassen kann: Die Sonne scheint, die Ferien beginnen – und irgendwo arbeitet Bodo mit seinem Bagger am Baggerloch. Eigentlich müsste man nur noch ein Fernglas mitnehmen und aus dem Küchenfenster schauen: Wo steht heute der erste Bagger? Wo wird eine Straße aufgerissen? Wo versperren rot-weiße Baken den Weg? Und wo beginnt die Umleitung, die laut Beschilderung nur „kurzzeitig“ dauert?

Sommerzeit ist Baustellenzeit. Das ist kein Zufall. Wenn weniger Schüler, Berufspendler und Lastwagen unterwegs sind, lassen sich viele Arbeiten leichter durchführen. Außerdem mögen Asphalt und andere Bauarbeiten Wärme und trockenes Wetter. Auch in Göppingen ist das so. Und es klingt vernünftig. Und ist es wahrscheinlich auch.

Nur merkt man als Bürger von der Vernunft zunächst einmal vor allem eines: Man kommt nicht mehr so einfach von A nach B. Die vertraute Straße ist plötzlich gesperrt. Der Weg zum Supermarkt führt über drei Dörfer. Die Bushaltestelle ist verschwunden oder liegt irgendwo hinter einer Absperrung. Und wer glaubt, eine ausgeschilderte Umleitung sei automatisch auch eine Kurzstrecke, hat vermutlich noch nie versucht, pünktlich beim Arzt zu sein.

Man könnte sagen: Wir bauen. Man könnte aber auch sagen: Wir graben uns durch den Sommer. Wenn dann denn überall gegraben wird, wo es eine rot-weiße Barken gibt. Es soll in den letzten Wochen im Stadtgebiet vorgekommen sein, dass hinter einer Baustellen-Absperrung samt Ampel nichts passiert ist. Rein gar nichts. Was mit den Handwerkerferien zu tun haben könnte. Das einzige, was sich nach dem  letzten Bauarbeiter-Arbeitstag noch bewegte war das von Rot auf Grün oder von Grün nach Rot springende Ampellicht und der steigende Blutdruck jener Autofahrer, die bei der ruhenden Straßenbaustelle ungeduldig auf das Durchfahrtssignal warteten. So manche dürften sich da über die Unfähigkeit von Verkehrsplanern und Bauunternehmen geärgert haben, die im Zeitalter von KI Baggerarbeiten nicht mit Bauarbeiterferien in Übereinstimmung bringen.

Dass es auch anders geht, bewies ein Unternehmen an der Baustelle auf der Kreisstraße zwischen Müllheizkraftwerk und Alb-Fils-Klinikum. Dort wurden nämlich mit Beginn der Bauferien die Absperrgitter zur Seite geschafft und die Baustellenampel abgeschaltet. Das ist doch vorbildlich und freut den von seiner Göppingen-Tour genervten Autofahrer.

Doch ungeachtet aller rot-weißen Absperrungen: Dort wo gearbeitet wurde, gilt den Bauarbeitern ein Dankeschön. Denn die werkelten bei 30 Grad (und mehr) im Schatten herum, damit nach den Ferien die Autos wieder ungehindert rollen können.  
21.8.26

  

Reparieren? Ja, bitte!

An heißen Tagen ist ein Glas Mineralwasser aus dem Kühlschrank eine Erfrischung. Vorausgesetzt, der Kühlschrank läuft wie gewohnt. Doch das tut er nicht. Statt einem erfrischenden Glas Wasser gibt es eines mit Zimmertemperatur. Der alarmierte Servicemitarbeiter vom örtlichen Elektrohandel kommt überraschend schnell und geht noch guter Dinge ans Werk. Drei ganz dünne Drähtchen in der Kühlschranktüre sind gebrochen – eine Verschleißerscheinung nach fünfjähriger Betriebsdauer.  Zwei der drei Drähtchen können geflickt werden, beim dritten muss der Mitarbeiter passen. Es sitzt soweit in der Kühlschranktüre drin, dass eine Reparatur nicht möglich ist. Die Folge: Wegen dieses Drähtchens wird die gesamte Kühlschranktüre ausgetauscht.

Wieder ein paar Hundert Euro weg. Und ein ansonsten schadloses Haushaltsgeräteteil landet auf dem Elektroschrott. Genau an diesem Punkt setzt das neue „Recht auf Reparatur“ der Europäischen Union an. Doch zwischen guter Idee und guter Umsetzung liegt manchmal eine einzige Schraube – oder besser gesagt: ihr Fehlen. Denn in vielen modernen Geräten ist längst nicht mehr jedes Teil einzeln austauschbar (siehe Kühlschrank). Geht beispielsweise bei einer Waschmaschine ein kleines Lager kaputt, könnte man meinen, man tauscht eben das Lager aus. Tatsächlich ist es bei manchen Modellen fest mit der gesamten Trommel verbunden. Statt eines Bauteils für wenige Euro muss dann eine komplette Baugruppe ersetzt.

Ähnlich sieht es beim Geschirrspüler aus. Ein defekter Sensor oder eine kleine Pumpe könnte eigentlich schnell gewechselt werden. Doch nicht selten steckt das Teil in einer kompletten Bodengruppe oder einem fest montierten Modul. Aus einem Defekt für 20 Euro wird eine Reparatur für 300 Euro. Da fällt die Entscheidung gegen die Reparatur fast zwangsläufig.

Reparierbarkeit bedeutet eben mehr als Ersatzteile auf Lager zu haben. Es bedeutet auch, Geräte so zu konstruieren, dass sich ein defektes Einzelteil tatsächlich einzeln austauschen lässt – ohne gleich das halbe Innenleben herauszureißen.

Die neue EU-Richtlinie ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber sie sollte nicht an der Werkbank enden. Wirklich nachhaltig wird Reparieren erst dann, wenn Ingenieure schon beim Entwurf daran denken, dass irgendwann einmal etwas kaputtgehen könnte. Nicht jedes defekte Kugellager braucht eine neue Trommel. Und nicht jede kaputte Pumpe gleich einen halben Geschirrspüler – und nicht jedes gebrochene Drähtchen eine neue Kühlschranktür.

Vielleicht erleben wir dann irgendwann den schönsten Satz, den ein Kundendiensttechniker sagen kann: „Kein Problem. Das Teil tauschen wir eben schnell aus.“ Dann schmeckt das gut gekühlte Glas Mineralwasser erst Recht.
14.8.26

  

Die Republik der Wattebäuschchen

Es gab einmal eine Zeit, da galt das Leben als Zumutung. Man musste arbeiten, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und gelegentlich sogar mit Menschen reden, die anderer Meinung waren. Heute scheint die größte politische Herausforderung darin zu bestehen, den Bürger vor all dem zu schützen.

Der moderne Staat ist nicht mehr nur Gesetzgeber. Er ist Animateur, Erzieher, Therapeut und Helikopter-Elternteil in Personalunion. Er erklärt uns, wie wir essen, heizen, sprechen, fahren, sparen, denken und möglichst emissionsfrei leben sollen. Nicht, weil wir unfähig wären – offiziell natürlich nicht. Sondern weil man uns zutraut, ohne staatliche Anleitung in kürzester Zeit an Zucker, Diesel oder falschen Pronomen zugrunde zu gehen.

Die Parteien haben dieses Spiel längst perfektioniert. Früher stritten sie darüber, wie viel Freiheit der Bürger braucht. Heute überbieten sie sich darin, wer ihn am wirksamsten vor den Folgen seiner eigenen Freiheit bewahrt. Die einen schützen ihn vor dem Klimawandel, die anderen vor dem Markt, wieder andere vor der Migration, der Inflation, der Digitalisierung oder vor den Zumutungen des politischen Gegners. Jeder verspricht Sicherheit – allerdings immer auf Kosten eines kleinen Stücks Eigenverantwortung.

Dabei lebt Demokratie von mündigen Bürgern, nicht von staatlich betreuten Konsumenten. Wer jede Schwierigkeit politisch lösen will, macht den Staat zwangsläufig zum Alleskönner – und den Bürger zum Dauerpatienten. Wo jede Unsicherheit als unzumutbar gilt, wächst der Ruf nach immer neuen Regeln, Förderprogrammen und Verboten. Der Staat wird größer, die Freiheit kleiner, und keiner merkt, wie selbstverständlich beides geworden ist.

Natürlich gibt es Zumutungen, vor denen der Staat schützen muss: Kriminalität, Krieg, Willkür, Betrug oder den Missbrauch von Macht. Dafür wurde er schließlich geschaffen. Aber nicht jede Unbequemlichkeit ist eine Staatsaufgabe. Das Risiko einer Fehlentscheidung gehört zum Leben. Ebenso wie steigende Preise, technische Veränderungen, wirtschaftlicher Wettbewerb oder die Erkenntnis, dass die eigene Meinung nicht automatisch die bessere ist.

Die eigentliche Ironie besteht darin, dass dieselben Bürger, denen angeblich keine Zumutung mehr zugemutet werden darf, täglich erstaunliche Leistungen vollbringen. Sie gründen Unternehmen, pflegen Angehörige, erziehen Kinder, engagieren sich ehrenamtlich, bestehen Krisen und zahlen nebenbei die Steuern, mit denen der Staat seine Fürsorge organisiert. Offenbar sind sie deutlich belastbarer, als manche Parteizentrale annimmt.

Vielleicht steckt hinter der überbordenden Fürsorge noch etwas anderes: Wer Probleme löst, gewinnt Zustimmung. Wer Probleme klein hält oder neue entdeckt, schafft dauerhafte politische Nachfrage. Ein Bürger, der selbst zurechtkommt, ist demokratisch wertvoll – aber politisch schwerer zu mobilisieren als einer, der auf die nächste staatliche Rettung wartet.

Am Ende stellt sich deshalb nicht die Frage, was der Staat dem Bürger zumuten darf. Sondern ob der Staat noch den Mut hat, dem Bürger überhaupt etwas zuzutrauen.

Denn Freiheit ist keine Vollkaskoversicherung. Sie ist die Zumutung, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen. Genau darin liegt ihr Wert – und vielleicht auch ihre größte politische Unbeliebtheit.
7.8.26
 

 

Der Staat muss auf Diät

Der moderne Bürger hat ein beneidenswertes Talent entwickelt: Er kann Verantwortung in Lichtgeschwindigkeit delegieren. Für alles gibt es inzwischen einen Zuständigen – und wenn es ihn noch nicht gibt, wird eben eine neue Stelle geschaffen. Der Staat wird's schon richten. Nur leider richtet der Staat inzwischen vor allem eines: Formulare.

Dabei fließt so viel Geld in die öffentlichen Kassen wie nie zuvor. Die Steuereinnahmen haben sich gegenüber früheren Jahrzehnten nahezu verdoppelt. Trotzdem reicht es hinten und vorne nicht. Das ist ungefähr so, als würde jemand nach einer satten Gehaltserhöhung feststellen, dass er sich plötzlich nicht einmal mehr den Wocheneinkauf leisten kann. Irgendwo stimmt die Rechnung nicht.

Vielleicht liegt das daran, dass wir aus dem Staat einen Alleskönner machen wollten. Er soll die Kinder erziehen, das Klima retten, den Verkehr organisieren, den Wohnungsmarkt regulieren, die Wirtschaft steuern, Einsamkeit bekämpfen, den Müll trennen, die Ernährung verbessern und am besten noch dafür sorgen, dass niemand jemals schlechte Laune hat.

Jede neue Aufgabe bringt eine neue Vorschrift hervor. Jede Vorschrift braucht Kontrolle. Jede Kontrolle braucht Personal. Und jedes neue Amt produziert zuverlässig neue Formulare – schließlich muss irgendjemand nachweisen, dass die Nachweise vollständig nachgewiesen wurden. Das eigentliche Kunststück besteht allerdings darin, dass der Bürger am Ende selbst die Bürokratie erledigt. Er füllt Anträge aus, reicht Nachweise ein, dokumentiert Selbstverständlichkeiten und beantwortet Rückfragen zu Unterlagen, die bereits eingereicht wurden. Digitalisierung bedeutet häufig nur, dass man das Ganze inzwischen online erledigen darf – selbstverständlich als PDF mit maximal fünf Megabyte.

Und während der Staat immer größer wird, schrumpft ausgerechnet das, was eine freie Gesellschaft stark macht: die Eigenverantwortung. Immer häufiger lautet die erste Frage nicht mehr: „Wie lösen wir das?" Sondern: „Wer ist dafür zuständig?" Der Unterschied ist größer, als er klingt.

Dabei macht mehr Staat die Menschen keineswegs zufriedener. Wer jede Verantwortung abgibt, gewinnt nicht automatisch Sicherheit. Meist verliert er zuerst Gestaltungsspielraum – und irgendwann das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, Probleme selbst zu lösen.

Vielleicht wäre deshalb ein wenig staatliche Diät gar keine schlechte Idee. Nicht, weil der Staat unwichtig wäre. Sondern weil er sich wieder auf das konzentrieren sollte, was nur er leisten kann. Alles andere dürfen Bürger durchaus wieder selbst übernehmen. Das wäre nicht nur günstiger. Es wäre vermutlich sogar befreiend. Vielleicht sollten wir den Bürger wieder als Erwachsenen behandeln – das wäre vermutlich die größte Verwaltungsreform seit Jahrzehnten.
31.7.26

 

Der Fisch und die Millionen

Es gibt in der Politik und im öffentlichen Leben einen bemerkenswerten Beruf: den des unerschütterlichen Optimisten. Er erkennt selbst im größten Defizit noch eine vorübergehende Delle („Berlin ist an dem Desaster schuld“) und verspricht zuverlässig, dass es irgendwann mal besser wird. Unser Alb-Fils-Klinikum scheint dafür das Anschauungsobjekt zu sein.

Jahr für Jahr wurden Besserung, Effizienzrendite und sinkende Defizite angekündigt. Jahr für Jahr passiert das Gegenteil. Das Minus wächst, die Rücklagen des Landkreises schrumpfen und sind inzwischen Geschichte. Der Landkreis ist finanziell am Limit. Und als wäre das nicht anspruchsvoll genug, steigen auch noch die Baukosten des Klinikneubaus munter weiter. Manche nennen das Kostenentwicklung. Andere würden sagen: Das Geld hat die Flucht ergriffen.

Nun könnte man auf die Idee kommen, dass irgendwann auch einmal die Frage nach der Verantwortung gestellt werden darf. Nicht aus Häme, sondern aus gesundem Menschenverstand. In einem mittelständischen Unternehmen wäre eine Geschäftsführung mit  solchen Jahres-Bilanzen schon längst abgelöst oder wenigstens dabei, die Abschiedsrede zu formulieren. Im öffentlichen Bereich scheint dagegen oft das Prinzip zu gelten: Solange noch Geld da ist, wird weitergewurstelt. Ist kein Geld mehr da, wird eben weitergewurstelt – nur ohne Geld. Vielleicht liegt genau hier das Problem.

Eine Klinik dieser Größenordnung ist heute nicht nur ein medizinischer Betrieb, sondern auch ein Unternehmen mit einem dreistelligen Millionenbudget. Wer ein solches Haus führt, muss wirtschaften können. Deshalb sollte man den Mut haben, über eine neue Führungsstruktur nachzudenken: zwei kaufmännisch geprägte Geschäftsführer mit klarer Verantwortung für Finanzen, Organisation und Strategie. Ergänzt durch ein Direktorium, bestehend aus drei Chefärzten, die aus deren Kreis gewählt werden. 

Denn eines sollte man nicht verwechseln: Ein guter Arzt ist nicht automatisch ein guter Unternehmenslenker – so wenig wie ein guter Kämmerer automatisch am offenen Herzen operieren sollte.

Ja, ein Wechsel kostet Geld. Abfindungen tun weh. Doch dauerhaft Millionendefizite schmerzen den Steuerzahler deutlich länger. Vor allem aber hätte die Klinik einen echten Neuanfang verdient. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch fürs Image. Denn Vertrauen ist in der Gesundheitsversorgung fast so wichtig wie moderne Medizin. Und Vertrauen gewinnt man nicht mit Pressemitteilungen, sondern mit Ergebnissen.

Bleibt am Ende nur die alte Weisheit: Der Fisch stinkt vom Kopf. Wenn allerdings seit Jahren nur am Schwanz gelüftet wird, darf man sich über den Geruch nicht wundern.
24.7.26

 

Integration heißt auch Verantwortung übernehmen

Deutschland ist ein offenes Land. Wer dauerhaft hier leben möchte, sollte nicht nur ankommen, sondern auch bereit sein, Teil unserer Gesellschaft zu werden.

Dazu gehört mehr als ein ausgefülltes Formular. Es beginnt mit dem Respekt vor unserem Grundgesetz. Mit der Anerkennung, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben – ohne Wenn und Aber. Es bedeutet auch, die deutsche Sprache zu lernen. Denn Integration gelingt nicht allein mit Gesten oder gutem Willen. Sprache schafft Verständnis, und Verständnis schafft Vertrauen.

Deshalb sollte es selbstverständlich sein, dass Kinder erst dann eingeschult werden, wenn sie dem Unterricht sprachlich folgen können. Das gibt ihnen die besten Chancen auf einen erfolgreichen Bildungsweg und entlastet zugleich Mitschüler und Lehrkräfte.

Integration bedeutet auch, unsere Regeln zu akzeptieren und Verantwortung zu übernehmen. Die deutsche Staatsangehörigkeit sollte deshalb nicht allein an den Ablauf einer Frist geknüpft sein, sondern Ausdruck einer gelungenen Integration sein – verbunden mit der Bereitschaft, sich dauerhaft zu unserem Gemeinwesen zu bekennen.

Viele Menschen bewegt noch ein weiterer Punkt. Sie erleben Veränderungen in ihren Städten und Gemeinden und fragen sich, ob sie sich dort noch genauso sicher fühlen wie früher. Wenn Kriminalität zunimmt oder öffentliche Plätze gemieden werden, weil Unsicherheit entsteht, dann hilft es niemandem, diese Sorgen als bloßes Bauchgefühl abzutun. Parallelgesellschaften dürfen sich nicht entwickeln. Wo Menschen über Jahre hinweg kaum Deutsch sprechen, überwiegend unter sich bleiben und sich bewusst von den gesellschaftlichen Gepflogenheiten unseres Landes abgrenzen, entsteht bei vielen Einheimischen das Gefühl, im eigenen Wohnumfeld fremd zu werden. Diese Wahrnehmung sollte weder tabuisiert noch vorschnell als Vorurteil abgetan werden.

Probleme verschwinden nicht, indem man sie sprachlich relativiert. Wer das Vertrauen der Bürger in den Staat stärken will, muss Sicherheit gewährleisten und geltendes Recht konsequent durchsetzen – für alle Menschen, unabhängig von Herkunft oder Pass.

Wer sich integriert, arbeitet, Verantwortung übernimmt und unsere freiheitlichen Werte lebt, ist eine Bereicherung für unser Land. Wer sich bewusst dafür entscheidet, in Deutschland zu leben, sollte den Willen mitbringen, sich in unsere Gesellschaft einzufügen. Dazu gehört nicht nur das Erlernen der Sprache, sondern auch die Bereitschaft, die hiesigen Werte, Gepflogenheiten und den offenen Umgang miteinander im Alltag mitzutragen. Integration bedeutet, Brücken zu bauen – nicht, neue Grenzen zwischen den Menschen entstehen zu lassen.

Vielleicht sollten wir Integration künftig nicht als Buffet verstehen, bei dem sich jeder nur das herausnimmt, was ihm gefällt. Treffender ist das Bild einer Mannschaft: Jeder kann seine Fähigkeiten und Erfahrungen einbringen, aber alle spielen nach denselben Regeln. Nur so entsteht Zusammenhalt – und nur so kann das Miteinander gelingen.
17.7.26

 

Wunschkonzert auf dem Eichert

Wünschen darf man sich bekanntlich alles. Den Lottogewinn. Sonnenschein am Wochenende. Oder ein Krankenhaus, das nach einer Investition von rund einer halben Milliarde Euro plötzlich schwarze Zahlen schreibt.

Genau dieser Wunsch war im Landkreis Göppingen  groß. Ein neuer Klinikbau sollte richten, was der alte nicht konnte: wirtschaftlicher werden, effizienter arbeiten und die chronisch roten Zahlen endlich hinter sich lassen.

Das erste Jahr im Neubau auf dem Eichert  ist vorbei. Der Wunsch blieb ein Wunsch. Dafür wurde das Defizit rekordverdächtig. Nun sind selbstverständlich die äußeren Umstände schuld. Die Krankenhausreform. Die schwierigen Rahmenbedingungen. Das Gesundheitssystem. Alles nicht falsch. Nur wäre es unerquicklich, wenn man sich hinter diesen Argumenten so bequem einrichtet, dass niemand mehr fragt, warum das hochgelobte Zukunftskonzept ausgerechnet im ersten Jahr zum teuersten Jahr der Klinikgeschichte wurde.

Stattdessen wird munter weiter gewünscht. Mehr medizinische Angebote. Mehr Spezialisierung. Mehr Patienten. Frei nach dem Motto: Wenn das Geschäft nicht läuft, machen wir einfach noch mehr davon.

Dabei ist die Aufgabe eines Kreiskrankenhauses eigentlich erfreulich unspektakulär: Es soll die Menschen zwischen Alb und Fils zuverlässig medizinisch versorgen – und zwar gut. Wer Spitzenmedizin für hochkomplexe Eingriffe braucht, fährt nach Ulm, Tübingen oder Stuttgart. Dafür gibt es Universitätskliniken. Niemand käme auf die Idee, den Regionalflughafen zum internationalen Drehkreuz auszubauen, nur weil dort noch etwas Platz auf dem Rollfeld ist.

Jede neue Spezialisierung kostet Personal. Geräte. Geld. Vor allem Geld. Und genau davon hat der Landkreis inzwischen ungefähr so viel übrig wie die Klinik schwarze Zahlen. Die Rücklagen sind aufgebraucht. Im nächsten Kreishaushalt wird gespart werden müssen. Die Kreisumlage steigt. Städte und Gemeinden dürfen tiefer in die Tasche greifen – obwohl ihnen wegen der schwachen Konjunktur die Gewerbesteuereinnahmen ohnehin wegbrechen. Das Wunschkonzert wird also bezahlt.

Weil Wünsche offenbar keine Grenzen kennen, gibt es gleich den nächsten: Der Altbau soll möglichst schnell verschwinden. Abriss. Grüne Wiese. Hübsch soll's werden. Eine bemerkenswerte Prioritätensetzung. Wer finanziell bis zum Hals im Minus steckt, plant normalerweise keinen Landschaftsbau. Er versucht erst einmal, seine Rechnungen zu bezahlen.

Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für einen neuen Wunsch. Keinen spektakulären. Keinen millionenschweren. Einfach den Wunsch, dass wieder Realitätssinn einkehrt. Denn eines ist sicher: Das Leben ist kein Wunschkonzert. Und der Kreishaushalt schon gar nicht.
10.7.26
 

 

Baustelle ohne Bagger

„Über sieben Brücken musst du gehn“, sang einst Peter Maffay. Als der Deutschrocker den Hit in die Charts brachte, ahnte er allerdings nichts vom Zustand deutscher Brücken. Schon gar nichts von der Jebenhäuser Brücke in Göppingen. Das muss ihm auch nicht peinlich sein – schließlich kennen den tatsächlichen Zustand bis heute nicht einmal jene, die sich beruflich damit beschäftigen sollten.

Seit am 11. September 2024 ein rund 100 Meter langer Abschnitt der Carolabrücke in Dresden einstürzte, herrscht in Göppingen vorsorgliche Alarmbereitschaft. Könnte so etwas auch hier passieren? Sicherheitshalber wurde eine Fahrspur gesperrt und Tempo 30 angeordnet. Seitdem sucht man einen Experten, der herausfinden soll, wie es der Brücke tatsächlich geht. Die Suche dauert inzwischen fast so lange wie manche Brückensanierung.

Die Folge: Auf der zweitwichtigsten Zufahrt in die Stadt üben Autofahrer täglich Geduld – vor allem im Berufsverkehr. Wer von der Autobahn kommt, reibt sich verwundert die Augen: Baustellenabsperrungen ohne Baustelle, Baken ohne Bagger. Kein Wunder also, dass zwischenzeitlich sogar die Idee aufkam, die gesperrte Fahrspur einfach zu begrünen. Wenn schon Stillstand, dann wenigstens ökologisch.

Weil niemand weiß, ob die Brücke saniert, neu gebaut oder vielleicht doch noch jahrzehntelang problemlos befahren werden kann, weiß auch niemand, was das Ganze kosten wird. Im ohnehin klammen Haushalt taucht der Posten folgerichtig gar nicht erst auf. Dabei wäre wenigstens eine Fahrbahnsanierung auf der Brücke akut, denn die Verwerfungen im Belag sind beachtlich. Kommt die neue Fahrbahndecke erst, wenn generalsaniert wird? Das könnte noch dauern, da in nur in Göppingen über einer Bahnlinie Brücken saniert oder neu gebaut werden können, wenn der Zugverkehr darunter ruht. Weshalb man wohl auf die Generalsanierung der Filstalstrecke wartet.

Nur dumm, dass die einst für 2028 angekündigte Generalsanierung längst in die Mitte der 2030er Jahre verschoben wurde – und womöglich noch weiter nach hinten rutscht, weil erst Stuttgart 21 vollständig fertig sein muss. Bis dahin braucht es offenbar weder Gutachter noch Bauplaner noch Bauarbeiter. Vor allem aber braucht es keinen zusätzlichen Haushaltsposten.

Es braucht nur eines: die Geduld der Autofahrer. Und die kostet ja nix.
3.7.26

 
 
Bus weg - Schüler auch
 
Schülerbusse sollen Schüler transportieren. Im Landkreis Göppingen ist das offenbar nur eine unverbindliche Empfehlung. Immer wieder fahren Busse schon vor Unterrichtsende ab, damit sie pünktlich den Bahnanschluss erreichen. Die Schüler schauen dann den Rücklichtern hinterher und dürfen 45 Minuten auf den nächsten Bus warten – oder gleich zu Fuß gehen.
Nun droht aus dem Ärgernis ein System zu werden. Aus Spargründen denkt der Landkreis darüber nach, teure Schülerbusse durch reguläre Linien zu ersetzen. Die Folgen sind absehbar: Die Vertaktung mit dem Zuganschluss hat Vorrang, die Schüler bleiben stehen. Eltern sind entsprechend wenig begeistert.
Besonders bitter: Früher wurde der Schülerverkehr vom Land gezielt gefördert. Dann machte die grün geführte Landesregierung daraus einen allgemeinen ÖPNV-Zuschuss. Das Geld verteilt sich seither breiter – und die Schüler bekommen die Quittung.
Bleibt zu hoffen, dass den Verkehrsplanern noch etwas Besseres einfällt, als den Unterricht künftig an den Busfahrplan anzupassen. Denn eigentlich sollte sich ein Schülerbus nach den Schülern richten – und nicht umgekehrt.
26.6.26